Ignatius von Loyola - Was ist SeelenBeschauung?
Vorneweg: Ich bin kein Ignatius-Experte. Doch eines, was ich über ihn erfuhr, inspirierte mich und könnte mich prägen.
Ignatius ist heute bekannt, weil er Mitgründer der Jesuiten ist. Seine Laufbahn begann nicht im geistlichen Dienst. Ignatius war zunächst Soldat. Im Kampf wurde er verletzt. Im Lazarett liegend, las er verschiedene geistliche Bücher und beobachtete in den freien Gedankengängen zwischen dem Lesen ein interessantes Phänomen: Je nachdem, welchen Gedanken er nachging, hatte er anschließend unterschiedliche Gemütszustände.
Wenn er sich in seinen Tagträumen als berühmter Soldat durch Europa ziehen sah, war er anschließend müde und leer. Sah er sich als armer Helfer durch Europa gehen, war er danach lebendig und voller Tatendrang.
Natürlich fragte er sich: Woher dieser Unterschied? Loyolas Antwort auf diese Frage war: Die einen Gedanken kommen eher von und führen zu Gott, die anderen eher nicht.
Was ich hilfreich erlebe
Und genau hier, war mir Loyola im letzten Jahr eine Hilfe. Ich nahm meine Gemütszustände genauer wahr und begann sie als wichtig zu erachten. Denn ich merkte ebenfalls: Je nachdem, worüber ich nachdachte und wo ich mich hindachte, erlebte ich mich in unterschiedlicher Verfassung.
Biblische Perspektiven
Ich erlebte, was auch der Schreiber der Klagelieder formuliert. Seine Gedanken sind die Quelle seiner „Schwermut und Verzweiflung“ (Klagelieder 3,20). Daher orientiert er sich willentlich um und sagt: „Ich will mich an etwas anderes erinnern, damit meine Hoffnung wiederkommt.“ (Klagelieder 3,21)
Ich erlebe, was mir in den Psalmen lange unterging. Manchmal gilt es auf Distanz zu sich selbst zu gehen und sich selbst zu befragen. Beispielsweise in Psalm 42,6 steht „Warum bist du so bedrückt, meine Seele?“. Ein kluger Schachzug. Einfach mal stoppen und nachfragen. Wobei die Seele in der Bibel nicht ist, wie bei den Simpsons dargestellt: Der kleine Teil, der nach deinem Tod in den Himmel schwebt. Sie ist Inbegriff für die Rahmung deines Lebens, die versucht Sinn und Ordnung zu eröffnen – und erinnert zugleich an unsere menschliche Bedürftigkeit vor Gott (vgl. Genesis 2,7).
Und das ist, was Loyola machte und auch in den biblischen Passagen geschildert wird: Mit dem, was sie wahrnehmen, gehen sie ins Gespräch mit Gott. “Unser Vater im Himmel” ist unser erster Resonanzraum. Hier können wir erklingen. Er wird uns (begleiten uns zu) stimmen.
Achtsame Selbstführung
Durch Loyola nahm ich eine spezifische Facette für meinen interaktiven Lebensstil mit Gott auf. Eine Facette, die das Potential hätte, heutzutage – in der großen Suche nach mentaler Gesundheit – in der Kategorie achtsame Selbstführung in den Bestsellerlisten zu landen. Loyola ist zentraler Zeuge des Menschseins in einer Welt, wo mir manchmal nichts schwerer ist als bei mir selbst zu sein.
Nun übe ich mich darin. Denke ich mal wieder über dies und das nach, achte ich, was sich dabei und danach in mir regt. Ich frage mich: „Fühle ich mich bei dem Gedanken lebendig oder matt? Erfüllt oder leergesaugt? Unter Druck oder frei gesetzt?“ Von dort aus kann ich ins Gespräch mit Gott gehen: „Vater im Himmel, was siehst und denkst du gerade?“ Und dann geht’s weiter, im Bestreben den Gedankenwegen zu folgen, die mich wach und lebendig halten. In den Tools für deine Nachfolge findest du die „Roadmap für dein Kämmerlein“ – hier spielt auch die Loyola Erkenntnis rein à Erklärvideo zur Roadmap)
Natürlich ist das jetzt ein verkürzter Einblick in mein Innenleben. Viele Dynamiken spielen in uns Menschen zusammen und meine Antworten kommen mir „nicht immer“ nach zwei Minuten. Zugleich will ich sagen: Glaub nicht, es wäre komplizierter als du geschaffen bist. Wir Menschen können wahrnehmen und denken. Nutzen wir, was im Bereich unseres Einflusses ist:
Wahrnehmen, was sich meldet.
Denken, was es bedeutet.
Beten, weil wir’s im Gespräch mit Gott herausfinden dürfen.
Wagen, weil‘s nur schrittweise geht und selten vorm Losgehen klar ist.
Wenn es dich genauer interessiert, kann ich dir Loyola ans Herz legen. Er entwickelte aus dieser Beobachtung heraus die Lehre von der „Unterscheidung der Geister“, die zum Kernmerkmal seiner „geistlichen Übungen“ (Exerzitien) wurde. Und, wenn du dann etwas neues entdeckt hast, dann melde dich, dann bekommst du den Platz, um in diesem Blog etwas zu schreiben. Einen Vorgeschmack, um was es dabei geht setzt Pater Altenbach in einem Interview mit der Schweizerischen Kirchenzeitung. Er beschreibt, wie er auf seine inneren Regungen achtet und diese reflektiert:
„Ja, ich befrage meine Alltagsrealität und wie ich sie erlebe. Ich mache mir bewusst, was in mir passiert und um mich herum geschieht. Ich nehme wahr, reflektiere, unterscheide und entscheide mich dann für das, was mehr lebendig macht, mehr Kraft und Freude schenkt und inneren Frieden gibt. Es ist eine Weise, mein Leben ganzheitlich wahrzunehmen. Beispielsweise nehme ich in einer Situation Angstgefühle wahr. Ich benenne sie. Dadurch entsteht eine Distanz zwischen mir und den Gefühlen. Ich habe sie, aber ich bin nicht identisch mit ihnen. Darauf folgen die Schritte der Unterscheidung und Entscheidung. Ich frage nach den Gründen der Angst, ich unterscheide Motive. Es ist ein Reflexionsprozess. Hierdurch wird ein Raum innerer Freiheit eröffnet. Einen solchen Prozess können alle machen. Dazu braucht man nicht religiös zu sein. Doch Ignatius selber stellt diesen Prozess in die betende Begegnung mit Gott. Er suchte in allem die Stimme Gottes. Dieses Hinhorchen auf die inneren Regungen wird zum Ort der Kommunikation mit Gott. Ich kann diesen Prozess auch mit anderen zusammen machen, beispielsweise mit meinen Mitbrüdern. Oder jemand kann ihn mit seiner Partnerin oder seinem Partner machen. Dieses Zusammenspiel von Erfahrung und Reflexion ist der Schlüssel ignatianischer Spiritualität, ihre innere Pädagogik. Es macht diese Spiritualität so modern; sie ist ganzheitlich – Erfahrung und Reflexion, Gefühle und Vernunft.“ (https://www.jesuiten.org/news/wie-will-ich-auf-die-liebe-gottes-antworten)
Was ist jetzt mit der Seelenbeschauung?
Seelenbeschauung ist das Wort, mit dem ich mir meine Loyola-Erkenntnis abspeicherte. Für mich ein perfektes Wort. Es steht so schön quer im Stall der Alltagssprache. Versuch es mal im Gespräch und erzähle deinem Freund, dass du gestern eine Seelenbeschauung gemacht hast. Mein Tipp: Du erntest mindestens einen irritierter Blick und hoffentlich eine neugierige Frage. Und schon seid ihr im Gespräch und mittendrin in den Fragen des Lebens.
Quellen:
- Rita Haub – die Geschichte der Jesuiten (Hörbuch bei Spotify)
- https://www.jesuiten.org/news/wie-will-ich-auf-die-liebe-gottes-antworten