Viktor Frankl- die Trotzmacht des Geistes
Mit Viktor Frankl, dem Gründer der Logotherapie, kam ich erstmals durch sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ in Kontakt. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, war ich tief erschüttert von seinem Erleben im Konzentrationslager und beeindruckt von der Haltung und dem Charakter dieses Mannes. Er zeigte mir auf, welche übermenschliche Kraft einem Sinn innewohnt und welche herrliche Freiheit uns Menschen gegeben ist. Um ihn für mich greifbar zu machen, habe ich mir Viktor Frankl auf einen Kernsatz „runtergerechnet“.
Drei Dinge braucht ein Mensch zum Leben:
1. Einen Sinn in seinem Sein.
2. Eine Gemeinschaft, in der er seinen Platz hat.
3. Seine Fähigkeiten in einer Geschichte zu erleben, die größer ist als er selbst.
Neben dieser Metalinie hat er meine Perspektive aufs Leben mitgeprägt. Es sind vor allem seine prägnanten und mitunter irritierenden Begrifflichkeiten, die mich faszinieren und die eine Schneise legen. In einige nehme ich dich einmal mit …
Von der Trotzmacht, dem inneren Ringen und dem Sinnaufruf
Beginnen will ich mit der „Trotzmacht des Geistes“. Was meint Frankl? Du kannst einer Situation trotzen, weil dein Geist dir die Macht dazu gibt. Anders: Du bist niemals verdammt, ganz in der Situation aufzugehen, in der du bist. Dein Körper mag an einen Ort gebunden sein, dein Geist ist es nicht. Du bist frei. Du bist geistig unabhängig. In jeder Situation deines Alltags hast du die Potenz, deine Haltung und dein Verhalten zu wählen. Ein feines Menschenbild transportiert Frankl: Wir können „Ja“ sagen und „Nein“ sagen, entsprechen und widersprechen – steckt schon in der Schöpfungserzählung vom „Baum der Erkenntnis“ (Genesis 2–3). Wir können unsere Umstände nur bedingt wählen und in ihnen mitunter auch leiden. Doch lässt dieser Umstand des Lebens das Leben nicht sinnlos werden. Wir können unseren Umständen trotzen, indem wir unsere Haltung in und zu den Umständen wählen und wagen. Frankl formuliert: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Dass dieser Freiheitsraum nicht immer leicht zu betreten ist, weiß Frankl. Er kennt und formuliert die inneren Kämpfe, welche menschliches Leben ausmachen. Sich seiner selbst bewusst zu werden, ist mitunter ein mühseliger Weg. Daher schlägt er vor, dass man „hinter dem seelisch Leidenden auch den geistig Ringenden sieht“. Da ist einer, der leidet gerade seelisch an etwas, und er ringt denkend und auseinandersetzend, wer er nun ist und was er macht. Mich entspannt er damit. Ich muss es nicht immer oder gar sofort wissen, wer ich bin oder was ich will. Ich darf auch mal durchs finstere Tal gehen (vgl. Psalm 23). Denn wir Menschen sind eben „in eine Welt voller Notwendigkeiten und Möglichkeiten“ gestellt und darin grundlegend in Frage(n). Das ist nicht immer leicht. Doch wäre es leicht, wäre das nicht auch eine Verkennung der Würde und des Wertes, den wir und das Leben haben?
So betrachtet sind die Fragen unseres Lebens keine Gründe zum Hadern oder Zweifeln. Sie sind Einladungen zum Sinn. Frankl weiß vom „Sinnaufruf des Augenblicks“, der fortwährend ergeht. Jeden Moment deines Lebens kannst du als Einladung verstehen, deine Antwort zu suchen und zu sein. Frankl dreht den Spieß – wie ich lange über Fragen dachte – um: Nicht wir sind es, die dem Leben Fragen stellen. Wir sind die Befragten, weil wir Antworten dürfen. Er formuliert:
„Eigentlich ist es nicht der Mensch, der fragt, sondern das Leben, das ihn unentwegt fragt.“ Daher kann Sinn dir oder mir auch nicht von außen gegeben werden. Ich kann dir nicht sagen: „Das ist dein Sinn.“ Er will Teil deiner Antwort sein. Er will in dir heranreifen, während du dich den Fragen stellst, in denen du stehst. Damit wäre dann eine Frage, wer eigentlich der Urheber der Fragen ist, in die das Leben mich stellt …
Von der Verantwortung und der Ausrichtung auf einen Sinn
Leben so zu denken, illustriert, warum wir unterwegs nicht irgendwann einfach eine Antwort finden. Sie würde fremd vor uns stehen. Sie muss in uns reifen, will sie eine tragfähige Antwort sein. Letztlich personifizieren wir unsere Antwort, indem wir suchen, wählen und wagen. Durch diesen (unter anderem) von Frankl ausgelösten Gedankengang passiert etwas Schönes: Der Begriff VerANTWORTlichkeit bekam für mich einen neuen Gehalt. Frankl stieß ihn vom Sockel des Anspruchs und holte ihn auf den Boden der Tatsachen: Ich darf im Leben mitsprechen. Und wenn ich mit meiner Antwort mal verspreche, endet nicht der Dialog. Vielmehr bin ich um eine Erfahrung reicher und werde vor einer neuen, vielleicht sogar genaueren Frage stehen. So bin ich unterwegs. Ich darf Verantwortung wagen, indem ich wiederkehrend abwäge, wie ich mich im Kontext der Situation und den darin gegebenen möglichen Möglichkeiten verhalten will. Einfach gesagt: Ich kann vorher nicht wissen, ob „es“ richtig ist. Ein Warten nach Klarheit und 100-prozentiger Sicherheit ist Utopie. Wir dürfen’s wagen und wissen, der Dialog schreitet fort. Wer Verantwortung wagt, wählt die Freiheit. Wer Verantwortung meidet, wählt die Enge. Wer antwortet, spricht mit.
So wird Leben zu einem fortwährenden Dialog. Einem Dialog, der nicht um Banalitäten kreist. Er kreist um die Ausrichtung auf einen Sinn. Was ist Sinn? Es ist die Orientierung gebende Deutung, die eine stimmige Gesamtschau deines Lebens ermöglicht. Daher ist Frankl überzeugt: „Überleben kann nur unter Ausrichtung auf einen Sinn gelingen.“ Vom Erleben schließe ich mich an: Die härtesten Momente meines Lebens sind die, in denen es mir „alles keinen Sinn“ macht. In solchen Phasen bin ich der „seelisch Leidende“, der „geistig ringt“ – häufig, weil ich Nebensächlichkeiten zu Eigentlichem erklärte und mich in Sackgassen verlaufen habe. Da springt mir meine Seele mit ihrem leidvollen Klagen zur Seite, weil ich mich geistig verirrt hatte. So wenig ich diese Phasen als schön erlebe, so hilfreich sind sie. Ich werde erinnert: Wir als Mensch sind kein Massenprodukt, das zu funktionieren hat. Wir sind keine triebgesteuerten Wesen, die nur konsumieren wollen. Wir sind keine Befehlsempfänger von Systemen. Wir suchen nach Sinn und nicht nach Funktion. Wir sind geistige Wesen, die berufen sind, wer zu sein – je einzeln und auch gemeinsam. Wir Menschen sind Person – eingeladen, einzeln und zugleich gemeinsam zu erklingen. Wer Sinn erkennt, ist von einer Melodie der Hoffnung getragen, die größer ist als sein jeweiliges Jetzt. Sinn ermöglicht, sein Leben in einer wertvollen Storyline zu verorten, die über den jeweiligen Augenblick hinausgeht.
Von Mensch und Mitmensch – von der Einzigartigkeit und Gemeinschaft
In dieser Suche sind wir nicht alleine. Jeder Mensch ist darin. Und wir sind einander an die Seite gestellt. Doch eine Grenze scheint uns gegeben: Obwohl jeder Mensch in Fragen gestellt lebt, kann keiner dem anderen von außen den Sinn vermitteln und die Antwort geben. Ich kann dir nicht sagen: „Das ist dein Sinn.“ Dein Sinn will von dir entdeckt werden. Finden muss, weil kann, nur jeder selbst. Es geht nicht um meine Antwort, die du lebst, sondern um deine Antwort, die dir reift. Und doch sind wir nicht isoliert voneinander. Als Mitmenschen können wir einander auf dem Weg zu solcher Sinnfindung Weggefährten und Weggefährtinnen sein. Hilfreich sind wir einander, indem wir als Zeuge unserer Perspektiven und Erfahrungen mitgehen und mit Fragen begleiten. So laden wir einander ein, die Pfade unserer üblichen Denkwege zu verlassen.
Denn Leben gestalten ist „einzigartig und exklusiv“. Jeder Mensch ist mit der gottgegebenen, persönlichen Freiheit ausgestattet, immer wieder „das nächste Kapitel zu schreiben“. Dabei schlägt Frankl vor, gerade unsere „Fragmentation als Individuation“ zu verstehen. Was meint er? Dadurch, dass du nicht alles kannst, ist deine Einseitigkeit zugleich deine Einzigartigkeit. Zwei Dinge folgen daraus: Zum einen: Wer nicht alles kann, muss nicht alles machen. Wer nicht alles kann, darf seins können, entwickeln und beitragen. Zum anderen: Wir dürfen das gemeinsame Leben entdecken. Die Puzzleteile in Summe ergeben das Bild. Gemeinschaft ist die absichtsvolle „Ergänzung“. Sie ist eine „notwendige Aufgabe des Lebens“. Es ist uns aufgegeben, gemeinsam zu leben, indem jeder seine Stimme erklingen lässt und so Antwort personifiziert. Diese Einladung erklingt – auch dein Leben wird dir die Fragen stellen, die dich daran erinnern.
Und hier schließt sich ein Kreis. Denn die Frage ist, wen wir als Gegenüber denken, der die Fragen stellt. Frankl bewegt auch die Frage nach dem Gegenüber in unserer Verantwortlichkeit. Zwei Aspekte sieht er: „Vor wem fühlt der Mensch sich verantwortlich?“ und „Wofür fühlt der Mensch sich verantwortlich?“. Ganz in frankelscher Manier „bleibt beides der Beantwortung des Einzelnen überlassen“. Die Frage kann allgemein gestellt, die Antwort aber nur persönlich gefunden werden. Wenn du dich hier auf die Reise zu deiner Antwort machen willst, gibt es eine relativ simple erste Übung: Achte schlicht auf deine inneren Dialoge. Mit wem bist du dort am häufigsten im Gespräch? Wer ist da (alles) dein Gegenüber? Worum kreisen diese Gespräche? Jene, die da häufig auftreten, sind möglicherweise jene, denen du dich gegenüber verantwortlich denkst.
Und nun?
Ich schließe mal mit einem Leitwort, das Frankl mir zuspricht:
Liebe den unbändigen Willen zum Sinn, denn die Trotzmacht deines Geistes kann dir helfen, den Status quo deines Lebens nicht als das letzte Wort zu glauben.
Habe Mut zu deiner Antwort im Jetzt. Sieh darin nicht mehr, aber auch nicht weniger als einen Satz in deiner Lebensgeschichte. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wirst du im Rückblick erkennen, wie die Vielzahl der Fragen Wegmarker waren, durch die dich das „Leben“ auf deinem Weg zu deinem Sinn begleitet hat.
Glaube nicht, du müsstest diesen Weg alleine gehen. Sei Mensch vor Gott und Mitmensch dem Mitmenschen.
Quellen:
Viktor Frankl – Trotzdem Ja zum Leben sagen
Viktor Frankl – „Search for Meaning“
Viktor Frankl – irgendein Hörbuch mit Vorträgen von ihm, dessen Titel ich aktuell nicht herausfinden kann
Viktor Frankl – Der Wille zum Sinn