Von Jesus, seinem Beziehungsnetz und deinem Leben.
Hast du dich mal gefragt, wie das Beziehungsnetz von Jesus aussah?
Ich finde es hochinteressant, die Evangelien nur auf diese Frage durchzulesen.
Wer war da so bei Jesus?
Wen traf er wie oft?
Wie ergaben sich seine Beziehungen?
Irgendwie gelang es Jesus in der Fülle an Menschen nicht missmutig, überfordert oder permanent in Eile zu sein.
Er war gerne mit Menschen, aber er war nicht immer mit Menschen.
Einige Beobachtungen, die ich gemacht und etwas vereinfacht habe, kannst du nun entdecken.
JESU BEZIEHUNGS-ARCHITEKTUR
Jesus baut sein Beziehungsnetzwerk in drei Kreisen:
Jesus lebt Beziehungen verschieden intensiv.
3er-Kreis: Die engsten Begleiter, mit denen er Herz teilt. Nur sie sind auf dem Berg der Verklärung dabei. Nur sie begleiten ihn im Garten Gethsemane. Eine „handverlesene Auswahl“ seines Innersten Zirkels, denen er sich im Hoch und Tief zeigt. Für mich ein Hinweis: Ich brauche meinen InnerCircle an besten Freunden, wo ich mich ganz zeige.
12er-Kreis: In den Anfangsstunden seines Wirkens bestimmt Jesus zwölf, die er auch Apostel nennt. Absichtsvoll weiß er, wo seine Hauptzeit und Energie reinfließen wird. Sie werden seine Multiplikatoren, die Grundpfeiler der ersten Niederlassung seiner Bewegung. Für mich ein Hinweis: Ich brauche eine Runde, bei der ich weiß, dass wir aufeinander zählen können, um miteinander in seiner Mission zu gehen.
72er-Kreis: Wie aus dem Nichts tauchen auf einmal 72 Jünger auf. 72 Menschen, die Jesus gleich einspannt. Sie gehören zwar nicht seinem innersten Zirkel, doch traut er ihnen erstaunlich viel zu (vgl. Lukas 10). Für mich ein Hinweis: Ich will die Augen offen halten für die Nachwuchskünstler, die Menschen brauchen, die ihnen etwas zutrauen.
Jesus lebt Beziehungen in drei Settings:
Jesus wählt die Anzahl der Menschen, denen er begegnet, entsprechend seinem Anliegen.[i]
Einzelsetting: Er isst mit einem Zachäus, sitzt mit der Frau am Brunnen oder unterhält sich mit einem Hauptmann. Zahlreiche Stories leben von der Zeit, die Jesus im 1:1 investiert. Es gibt Themen, die platziert Jesus im persönlichen Gespräch und um Räume für die persönliche Begegnung zu haben, lässt er auch mal alle anderen stehen.
Gruppensettings: Ob der Streit um die Ehrenplätze, Stürme beim Bootsfahren oder Gespräche übers Beten und Vollmacht. Ich finde Stories, die zeigen: Jesus bespricht Fragen, die im Alltag aufkommen, gleich mit allen, die es betrifft oder lässt die Frage des einen gleich zur Lernerfahrung aller werden.
Massensettings: Ob Reden wie die Bergpredigt oder seine Speisewunder. Manche Anliegen platziert er gleich der großen Masse gegenüber. Was soll er einzeln immer wieder dasselbe sagen? Stories, die zeigen: Manchmal lohnt’s, möglichst viele an einem Ort mit dem zu versorgen, was man „dabei“ hat.
Heilige Beziehungen ergeben sich auf drei Weisen (mindestens):
Jesus sucht Begegnungen bewusst, und lässt sie auch einfach entstehen.
Kana-Gelegenheiten stehen für Momente, wo er eh grad da ist. Jesus ist auf der Hochzeit. Ohne Planen oder Terminabsprachen (ok, die waren ihm glaube ich eh fremd) entstehen überraschende Möglichkeiten. Sie lehren mich: Aufmerksam bleiben. Vielleicht hat Gott in einer unauffälligen Alltagssituation etwas vor.
Zachäus-Mahlzeiten stehen für einmalige, bewusst herbeigeführte Invests in einzelne Menschen, denen keine langfristige Begleitung folgt. Jesus lässt die Masse stehen und isst mit Zachäus. Sie lehren mich: Lass mitunter stehen und liegen, was sonst gerade ist und nimm dir Zeit für diesen einen Menschen.
Brunnen-Momente stehen für ungeplante, alltägliche Begegnungen. Jesus ist müde, setzt sich an den Brunnen und - zack - er kommt mit einer Frau am Brunnen ins Gespräch. Sie lehren mich: Selbst, wenn ich müde bin und was anderes vor habe, kann es sein, dass Zu-Fall eben kein Zufall, sondern ein Ein-Fall Gottes ist.
Ich entdecke zwei Räume, in denen er sich maßgeblich bewegt:
Kafarnaum-Zeiten stehen für seine Heimatbeziehungen (Mt 4,13ff; Mt 8,5ff; 17,24ff). Hier ist sein Wohnort, der zeigt: Wir prägen, wo wir leben. Nicht nur die neuen Menschen sind die, zu denen wir gesandt sind. Familie, Freunde, Nachbarn. Wir haben eine Heimat und auch hier ist Gott mit uns und will zum Segen sein.
Rund-Reisen stehen für seine Touren. Jesus zieht durch die Gegend und konzentriert sich darauf, Menschen in die Reich-Gottes-Perspektive einzuführen und Krankheiten zu heilen (Mt 4,23ff; Mt 9,35ff). In verschiedenen Settings begegnet er Menschen. Zugleich bieten diese Touren ihm Gelegenheit seine Jünger aktiv mit in seine Mission einzuspannen.[ii]
Jesus wählt: gemein-sam und ein-sam
Und eins fiel mir auch auf:
Jesus ist nicht immer unter Menschen.
Jesus ist auch bewusst ein-sam.
(bspw. Markus 1,35; Matthäus 14,23).
So entdecke ich: Wer gemein-sam sein will, der muss auch ein-sam sein.
Einsam - einfach unter den geliebten Augen des Vaters (vgl. Matthäus 3,17; Matthäus 6,6).
Da will dann keiner was von mir.
Ich will von keinem was.
Einsam hilft mir.
Ich verzwecke nicht.
Weder mich noch meine Mitmenschen.
Unser Miteinander ist nicht nur UM ZU … .
Wozu mir diese Perspektive hilft
Lese ich mit dieser Brille die Evangelien, entdecke ich:
Jesus gelingt es absichtsvoll wie auch spontan in Beziehung zu sein.
Ausgelöst von diesen Beobachtungen skizziere ich immer mal wieder mein Beziehungsnetz (siehe Tools für deine Nachfolge).
Bereits das Aufschreiben wird mir eine geistliche Übung.
Schreiben ist langsamer als Denken: Ich entschleunige.
Es entsteht ein Bild: Ich nehme bewusster wahr.
Es liegt vor mir: Ich kann betend – mal betrachtend, mal analysierend - drauf schauen.
Wenn ich dann mein Beziehungsnetz anschaue, bete ich manchmal:
„Jesus, hilf mir zu sehen, wen du siehst.“
Wer ist hier mit mir und mit wem bin ich?
Wer sind meine drei Menschen für die ganz persönlichen Herzensangelegenheiten?
Wer die Runde, mit der ich in deiner Mission unterwegs bin?
Wer die Nachwuchskünstler, die ich ermutigen und denen ich etwas zutrauen darf?
Wer die Menschen meines Alltags, zu denen du mich sendest oder senden willst?
Hier entstehen die GottesGeschichten:
Im ganz normalen Beziehungsnetz unseres Alltags.
Im Resonanzraum des Miteinanders.
Wenig verwunderlich, dass die Rahmung der Bibel davon erzählt:
Ob im Garten Eden oder in der neuen Welt –
Gott lebt mitten unter den Menschen.
Machen wir‘s ihm gleich? :)
ANHANG: REFLEXIONSFRAGEN FÜR DEINE NACHFOLGERUNDE
Vielleicht willst du genauer einsteigen und mit deiner Runde an Weggefährtinnen und Weggefährten schauen. Zu wem Jesus stellt dich und welche Menschen legt er dir besonders aufs Herz?
Folgende Fragen können euch zum Reflektieren eine Hilfe sein:
Wer gehört für dich zur Runde der Kafarnaum-Zeiten? In welche Menschen investierst du über einen längeren Zeitraum? Wer lebt mit dir zusammen? - Nehmen wir die Menschen unseres natürlichen Umfelds nicht wahr, vergessen wir, dass hier häufig unsere erste Berufung liegt (in den Partnerschaften, unseren Familien oder auch Berufsfeldern).
Was sind deine Rund-Reise-Phasen? Wo investierst du in größere Gruppen, um Reichweite zu generieren und ein einfaches Andocken zu ermöglichen? Und wie nimmst du auf diesen Reisen deine 12-er Runde mit? - Die Heimspielzone zu verlassen, eröffnet neue Kontakte und erweitert unser Bewusstsein für die Welt außerhalb unseres (mentalen) Dorfes.
Wer ist deine 12-er Runde? Wer ist mit dir “on his Mission”? In wen investierst du, weil du in ihnen Multiplikatoren siehst? Wie teilst du mit ihnen leben? Wie markierst du deine Erwartungshaltung? Wie führst du sie in seine Vollmacht ein? Wodurch entdecken sie ihr Potential? - Agieren wir ohne Weggefährten laufen wir früher oder später leer. Lassen wir sie (so wir Leiter oder Leiterin sind) alleine laufen und haben zu wenig Zeit für ihre Fragen, Bedürfnisse oder Gefühlswelten, brechen sie uns meist weg oder kündigen innerlich.
Wer ist deine 3er-Runde? Welche Menschen sind für dich vertrauenswürdig? Mit wem teilst du persönliche Momente und inneres Leben? - Haben wir keine Menschen, wo wir einfach mal sind, wie wir sind und die wir mit in unseren inneren Thematiken nehmen, werden wir vielleicht weiter funktionieren, aber vermutlich uns auch irgendwie genauso vorkommen: wir denken, wir müssten halt funktionieren.
Wer ist deine 72er-Runde? Wann kommt sie bei dir „auf einmal“ ins Spiel? (vgl. Lukas 10). Bei wem siehst du Potentiale? Wodurch achtest du darauf, dass dein innerer Zirkel der 12 nicht ein geschlossener Zirkel bleibt, sondern sich die nächste Generation hinzugesellt und hineinwächst? - Gerade die Frage nach neuen Mitarbeiterntaucht oft erst auf, wenn die Not da ist. Die Nachwuchskünstler zu identifizieren und in „Reichweite“ zu haben, ist ein Kunstgriff Jesu für die Gesundheit seiner Bewegung, den es zu beherzigen gilt.
Wann kommen deine Kana-Gelegenheiten? Welche Feste feierst du mit? Wie bleibst du sensibel, wenn Gott dort etwas geschehen lassen will? - Wir sind eh da und das eigentlich nur, weil wir mitfeiern. Und doch sind diese Alltagsgelegenheiten für Jesus Momente, wo er durch dich aktiv werden kann - zumindest dann, wenn wir die Augen offen halten.
Mit wem ist eine Zachäus-Mahlzeiten dran? Welcher Mensch sitzt da und sehnt sich nach einer guten Begegnung mit Zeit? Bei wem geht es gar nicht darum, eine längere Reise werden zu lassen, sondern eine Mahlzeit lang intensive und ehrliche Aufmerksamkeit zu schenken? Und welche Menschenmenge ist es dafür an der Zeit mal stehen zu lassen und potentielle Verärgerung in Kauf zu nehmen? - Die Menschen auf den Bäumen zu sehen, benötigt einen erweiterten Blick. Sich auf die Menschen einzulassen, kann den Unmut Anderer hervorbringen. Zeitlich begrenzte, noch dazu mit Essen nett arrangierte Begegnungsräume können für einzelne Menschen lebensverändernd sein.
Wo geschehen deine Brunnen-Momente? Wo bist du im Alltag unterwegs? Wer begegnet dir dort? Sprichst du einen unverbindlichen ersten Eröffnungssatz, um dann zu sehen, was geschieht? Denke nicht an das Dorf, was du dadurch vielleicht erreichst, bleib bei dem Menschen, der dir dann Gegenüber ist. - Es geht nicht darum permanent gegen unsere Müdigkeit zu gehen. Es geht um den mündigen Gehorsam sich auf einen Menschen einzulassen, obwohl uns erstmal nicht danach ist.
[i] Geht es Jesus um die „reine“ Informationsweitergabe ist die Gruppengröße nach oben frei skalierbar. Geht es Jesus um Erkenntnisgewinn, Diskurs und allgemeine Reflexionen des Reich Gottes kann er auf Gruppengröße switchen. In einer Gruppe kann man aufeinander reagieren, nachfragen können gestellt werden und egal wer spricht, alle können es verstehen. Im Einzelsetting geht es Jesus um persönliche (private) Erkenntnisse und Worte. Es geht um Lebensgeschichte, Glaubenssätze und Denkmuster. In einzelnen Geschichten mischen sich die Settings (etwa bei der Ehebrecherin, die Jesus vor der Steinigung bewahrt).
[ii] Bei den Speisewundern werden sie explizit aufgefordert mit anzupacken. Ansonsten sind die gemeinsamen Erlebnisse häufig Auslöser für Nachgespräche, in denen Jesus seine Jünger in seine Perspektiven mit einführt (bspw. Streit um die Sitzplätze (Mt 20,27ff), Fußwaschung (Joh 8); Pharisäer-Diskussionen (u.a. Mt 9,10ff; 12,2ff; 15,1ff; 16,1-12; 19,3ff; 22,15ff); Kinder weg schicken (Mk 10,13ff).) Sehr eindrücklich wird diese Verknüpfung in Matthäus 9,35-10,5ff deutlich.