„Was wirkt?“ – Die Frage nach nachhaltiger Jugendarbeit.
Von Sebastian Wickel
Teil 1: Vom Erleben aus betrachtet – Üben wirkt.
Es ist 2012. Ich bin Jugendpastor in Limburg. Vergangenen Sonntag predigte ich über Konflikte und die Kunst sie anzusprechen, wo sie hingehören (Matthäus 18). Mittlerweile ist Mittwoch. Vor mir steht ein Mensch, der wie ein Rohrspatz schimpft.
Zum einen „muss manchmal ja was raus“. Zum anderen denke ich: „Hä, hast du mir Sonntag nicht zugehört? - Ich bin hier nicht dein Konfliktpartner.“ Das war ein ent-täuschender Moment für mich. Mir wurde die „pastorale Täuschung“ genommen, dass eine Predigt „alles klärt“.
Nur weil ich etwas verkünde, ändert sich Verhalten nicht. Bei mir nicht. Bei andern nicht. Jesus beauftragte seine Jünger ja auch nicht: „Lehrt sie“. Er spricht: „Lehrt sie zu halten“ (Matthäus 28,20).
Jesus kalkuliert den Faktor der Übung ein.
Wir auch?
Wie und wodurch lernst du bei Jesus?
Wie gestalten wir Jugendarbeit, wo junge Menschen hören und üben können?
Was genau können sie bei uns wodurch lernen?
Teil 2: Vom Denken aus betrachtet – Übung hat Heimat
Solche Fragen bewegen mich immer wieder. Sie begleiten mich bei der Auswahl meiner Bücher, münden in Texten, Schulungen und dem unterwegs sein in meinem Beruf. Sie führen mich nach Valencia oder auch in erste Gespräche mit Evi Rodemann.
Was Evi in „Projekt J“ bewegt, hat Schnittflächen zum Ziel in meiner Stelle als Kreisjugendpastor. Das war uns Grund genug zum Treffen. Verschiedene Austausche mit Evi fasst ein „Schaubild“ zusammen.
Es stellt übersichtlich dar, welche Faktoren sie oder auch ich für wichtig erachten, wenn es um eine nachhaltige Jugendarbeit geht. Das Schaubild mag jetzt nicht unbedingt neue Inhalte bringen - aber neu ist ja eh so eine fragliche Kategorie (Prediger 1,9) :).
Im oberen Teil geht es vorrangig um junge Menschen selbst bzw. worauf wir im unterwegs sein mit ihnen setzen.
Im unteren Teil geht es, um die Verortung von Jugendarbeit in der Gemeinde bzw. die systemische Perspektive.
Faktisch geht’s um das Zusammenspiel beider: Invest in junge Menschen und Gemeinde.
Die Pointe lautet - im Bild gesprochen:
„Jugendarbeit“ ohne „Gemeindearbeit“ machen ist wie einen Apfelbaum im Blumentopf züchten.
Apfelbäume gehören in den Erdboden.
Soweit ich mich mit der Botanik auskenne, ist nicht jeder Boden geeignet einen Apfelsamen aufzunehmen und ihm zum Wachstum zu verhelfen.
Kann diese Analogie auf Jugend und Gemeinde übertragen werden?
Das hieße: Nicht jede Gemeinde ist automatisch geeignet Jugend(arbeit) aufzunehmen und zum Wachstum zu verhelfen? Zugleich könnte es jede Gemeinde lernen, die sich auf die entscheidenden Faktoren ihrer „Bodenbeschaffenheit“ einlässt?
Teil 3: Gemeinde als Raum des Lernens
Es ist 2017. Limburg. Ich werde verabschiedet und blicke mich um. Ohne, dass ich es will, kommen mir „sanfte“ Tränen. Meine Stimme bricht weg. Ich bin bewegt. Kurz still. Mir wird bewusst: „Das hier“ war nicht: Einer redet, die anderen hören. Ich habe Gemeinde erlebt. Dieses „heilige Zusammenspiel gewöhnlicher Menschen“.
Ich blicke in Gesichter und erinnere Geschichten. Geschichten mit glauben und wagen, verstehen und fremdsein, streiten und versöhnen, spielen und toben. Ich durfte Jugendarbeit in Gemeinde erleben. Ich bin bewegt von den Menschen, die ich sehe.
Menschen, die nicht das Alter, sondern das Kochen der Pilzpfanne verband.
Erwachsene, die sich schulen ließen und Jugendliche in unseren Jüngerschaftskursen begleiteten – um dann: beidseitig zu lernen.
Und ich sehe junge Menschen, die sich trauten, ihre Gedanken zu teilen, Gemeinde mitzuleben und manchmal auch mitzuleiden.
Ich schaue sie an und freue mich. Auch ich bin einer, der mitgeht. Das sei nun auch gesagt: Nicht alle Jugendlichen, die ihr Leben mit Jesus starteten, dockten in unserer Gemeinde an. Also keine Hochglanz-Story. ABER: Ich finde, das Verständnis von Gemeinde änderte sich.
Gemeinde war für die Jugend nicht länger der Gottesdienst um 10 Uhr. Jugend war für die Gemeinde nicht länger „die freitags, da oben“.
Gemeinde wurde zur Gemeinschaft und bekam Gesichter. JesusMenschen, die miteinander bei ihm in der LebensSchule sind.
Wir „Rohrspatzen“ lernen Miteinander und im Alltag. So können Samen wurzeln. In Menschen. In Gemeinde.
Teil 4: Vom Kontext und ersten Erfahrungen
Es ist 2026. Vor 9 Jahren wurde ich als Kreisjugendpastor angestellt. Das Ziel meiner Stelle ist grob umrissen mit: „Tu was für Jugendliche und Jugendarbeit in der Region sinnvoll ist.“ Heute frage ich mich, wenn ich die Teile 1 bis 3 dieses Artikels lese:
Fokussierte ich bislang den oberen Teil des Schaubildes und vernachlässigte unteren?
Oder konkreter: Inwiefern können junge Menschen überhaupt aufblühen, wenn Gemeinde nicht mitmachst?
Oder angewandt: Wie ist Gemeinde, in deren Raum junge Menschen geistlich reifen? Was macht sie, wie ist sie?
Ich glaube nicht, dass hier irgendwer im Dillwesterwald Apfelbäume im Blumentopf pflanzen will. Weder ihr – noch ich.
Aber zufrieden bin ich auch nicht. Vielleicht ist gerade eine günstige Gelegenheit. Eine Chance den Fahrtwind einiger aufzunehmen und die Erfahrungen der letzten Jahre zum nächsten Schritt zu bündeln.
Denn da sind ja mit den 72.huddles adaptierbare Jüngerschaftskurse entstanden, in denen mittlerweile hunderte junger Menschen die Basics der Nachfolge miteinander geübt haben.
Mit dem ChancenViertel liegt ein Ansatz da, der diakonische, bildende und geistliche Strahlkraft hat.
Mit der AllianzMission, der TH Ewersbach, dem Christival oder Menschen in und außerhalb des Bund FeG ist ein Netzwerk entstanden, das in diesen Fragengebieten viel geistliche Erfahrung und fachliche Kompetenz mitbringt.
Und alles weist in eine Richtung: Jesus ist es der wirkt.
Mein Glaube, das irgendein Projekt von uns Menschen an sich den Unterschied setzt, ist verschwindend gering geworden. Mein Glaube, das Jesus durch uns wirken will, ist zugleich größer als je zuvor.
Die Bibel sagt’s und die Storys dieser Welt bezeugen es: Jesus hat sich entschieden durch seine Gemeinde gegenwärtig zu sein. Jesus sendet gewöhnliche Menschen und ihre Projekte, um heilige Dinge zu tun. Wir können zwar ohne Jesus garn ichts tun, aber Jesus kommt ohne uns als sein Bodenpersonal auch nicht weit. Wir sind sein Leib auf Erden. Menschen, die glauben und wagen, sich streiten und versöhnen, … .
Ein Brückenschlag zum 02.09
Wenn diese Beobachtungen nun stimmen, dann stellen sich Fragen, welche Konsequenzen wir ziehen und welche Schritte wagen. Ein paar dieser Fragen lauten:
Wie kann ein dreimonatiger Jüngerschaftskurs in unserer Region aussehen, der von Jüngerschaftszentren weltweit lernt und 8-12 junge Menschen unserer Region zu JüngerMacher und -Macherinnen macht? Unsere Gemeinden können junge Menschen senden – und nicht nur jene, die ins Ausland gehen, profitieren…
Welche Rolle spielen Kleingruppen für die geistliche Entwicklung und wie könnt ihr als Gemeinde Kleingruppenleitende ausbilden, weil wir zusammenspielen? Und was hat das mit dem Christival in 2027 zu tun?
Wie spielen Ortsgemeinde und Kreisjugendpastor miteinander auf und welche Rolle könnten dabei Aussendungsgottesdienste, CommitmentPaper oder Referenzschreiben spielen?
Mit welchen vier Schritten werdet ihr eine Gemeinde, die junge Menschen sieht, beruft und sendet und dabei trotzdem nicht schrumpft?
Wieso will ich im Jahr 2027 möglichst alle Gemeindeleitungen besuchen?
Let’s talk and seek first the Kingdom of God.
Deal?
Herzliche Einladung für den